Mittwoch, 29. April 2009

Sehr lesenswert



Wie bitte? von David Lodge

Klappentext:

Der Linguistikprofessor Desmond Bates hat sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen lassen, aber genießen kann er den nicht. Er vermisst die Universitätsroutine und seine Studenten, er hat jede Neugierde verloren.

Seine jüngere Frau Winifred macht hingegen eine späte Karriere und blüht gradezu auf, was dazu führt, das Desmond mehr und mehr auf die Rolle eines Anhängsels reduziert wird. Winifreds jugendlicher Enthusiasmus macht Desmond den zwischen ihnen stehenden Altersunterschied nur noch schmerzlicher bewusst. Sorgen macht er sich außerdem um seinen greisen Vater, einen ehemaliger Tanzmusiker, der eigentlich nicht mehr in der Lage ist, allein zu wohnen, sich aber beharrlich weigert, sein Haus zu verlassen und in ein Heim zu ziehen.

Doch es vor allem der schleichende Verlust seines Gehörs, der Desmond das Lachen vergällt und ihn immer wieder in peinliche Situationen und eheliche Konflikte treibt. Auf Gesellschaften und in größeren Gruppen ist er außerstande, sich zu unterhalten.

Durch eine dieser peinlichen Situationen lernt er unfreiwillig eine Studentin kennen, die ihn mit ihrer gefährlichen Unberechenbarkeit vollend aus der Bahn zu werfen droht.

Auzug aus dem Buch (S.13ff)

»‘Wer war die junge Blondine, mit der du dich so angeregt unterhalten hast?«, fragte mich Fred, als wir nach Hause fuhren. Sie fuhr, denn im Gegensatz zu mir hatte sie nur wenig getrunken.

»Keinen Schimmer. Sie hat mir ihren Namen genannt, zweimal sogar, aber ich bin nicht

schlau draus geworden. Ich habe kein Wort von dem mitgekriegt, was sie mir erzählt hat. Der Radau . . . «

»Das liegt an dem vielen Beton, der reflektiert die Geräusche.« »Ich dachte, sie sei vielleicht eine Kundin von dir.« »Nein. Hab sie noch nie gesehen. Wie fandest du die Ausstellung?«

»Trist. Reizlos. Solche Fotos kann jeder machen, der eine Digitalcamera hat. Aber wer will das schon?«

»Ich finde, sie vermitteln eine irgendwie fesselnde ... Traurigkeit.<


Das ist eine verkürzte Fassung unseres Gesprächs, das in Wirklichkeit etwa so verlief:

»Wer war die junge Blondine, mit der du dich so angeregt unterhalten hast?«

»Wie bitte?«

»Du hast dich sehr angeregt mit einer jungen Blondine unterhalten.«

»Ich habe deine Cousine nicht gesehen. War sie auch da?«

»Nicht meine Cousine. Wer die junge Blondine war, mit der du dich unterhalten hast, wollte ich wissen.«

»Keinen Schimmer. Sie hat mir ihren Namen genannt, zweimal sogar, aber ich bin nicht

schlau draus geworden. Ich habe kein Wort von dem mitgekriegt, was sie mir erzählt hat. Der Radau . . . «

»Das macht der viele Beton.«

»Was denn für ein Gong? Ich habe nichts gehört.«

»Nicht Gong. Beton. An den Wänden und auf dem Fußboden. Er reflektiert die Geräusche.«

».Ahja . «

(Pause.)

»Wie fandest du die Ausstellung?«

»Ich dachte, sie sei vielleicht eine Kundin von dir.«

»Wer?«

»Die junge Blondine.«

»Nein. Hab sie noch nie gesehen. Wie fandest du die Ausstellung?«

»Wie bitte?«

»Die Ausstellung — wie fandest du sie?«

»Trist. Reizlos. Solche Fotos kann jeder machen, der eine Digitalkamera hat.«

»Ich finde, sie vermitteln eine irgendwie fesselnde Art von Traurigkeit.«

»Schaurigkeit und fesselnd — na, ich weiß nicht . . . «

»Traurig, eine fesselnde Art von Traurigkeit. Trägst du dein Hörgerät, Schatz?«

»Ja, natürlich.«

»Scheint eine Macke zu haben.«

Das ließ sich nicht abstreiten. Ich klopfte mit dem Fingernagel an die Gehäuseschale in meinem rechten Ohr. Es klang dumpf und tot. Irgendwann im Lauf des Abends hatte die Batterie den Geist aufgegeben, und ich hatte es nicht gemerkt. Vielleicht hatte ich deshalb nicht gehört, was die Blondine mir erzählt hat, ich glaube allerdings eher dass es passiert ist, als ich auf der Toilette war, und da war sie schon weg. Auf der Toilette hatte ich den Lautstärkeverlust nicht registriert oder ihn an diesem wahrhaft stillen Örtchen im Kontrast zu der Kakofonie in der Galerie als äußerst wohltuend empfunden, und als ich wieder zu den anderen stieß, hatte ich nicht einmal den Versuch gemacht, ein Gespräch anzufangen, sondern Interesse an den Bildern geheuchelt, die -. Traurigkeit hin, Schaurigkeit her — schlicht und einfach nur banal waren.

»Meine Batterie hat schlappgemacht«, sagte ich. »Soll ich eine neue einsetzen? Ist im Dunkeln allerdings knifflig.«

»Nein, lass nur«, sagte Fred, wie neuerdings so häufig. Nur ein Beispiel: Sie kommt in mein Arbeitszimmer, wenn ich ohne meine Hörhilfen am Computer sitze, weil die das beruhigende Gebrabbel der Tastatur in das aufdringliche Geklapper einer altmodischen Remington verwandeln, und sagt etwas zu mir, was ich nicht höre, und ich muss innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen: Das Gespräch anhalten, während ich nach meinem Hörgerätefutteral krame und die Gehörschalen einsetze, oder ohne Hörhilfen auf Improvisation setzen. Meist entscheide ich mich für Letzteres,….

David Lodge „Wie bitte?

Verlag Blessing 2009

ISBN: 978-3-89667-396-1


Auch wenn das Buch von einen Menschen handelt, der erst im Laufe des Lebens schwerhörig geworden ist und ich bereits seit meiner Kindheit schwerhörig bin, habe ich mich immer wieder wiedererkannt. Es ist sehr eindrücklich geschildert, mit welchen Problemen und Konflikten wir es alltäglich zu tun haben, aber es ist auch mit Humor geschrieben. Wer sich für das thema Schwerhörigkeit im Alltag interessiert, den ist dieses Buch sehr zu empfehlen.



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